Fachkräfte und Zuwanderung: Was die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit tatsächlich sagen
157 Engpassberufe bundesweit, im Agenturbezirk Göttingen 3.659 offene Stellen und zugleich 15.750 Arbeitslose: Wie passt das zusammen, und welche Rolle spielen ausländische Beschäftigte?
Zwei Aussagen, die beide stimmen
In der Debatte über Zuwanderung und Arbeit stehen oft zwei Sätze gegeneinander: „Es fehlen überall Fachkräfte“ und „Es gibt doch so viele Arbeitslose“. Beide Sätze lassen sich mit amtlichen Zahlen belegen. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Passung: Wer arbeitslos gemeldet ist, hat nicht automatisch die Qualifikation, den Wohnort oder die Gesundheit für die offene Stelle.
Diese Seite stellt die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nebeneinander und sagt dazu, was sie belegen und was nicht. Hinweis: Es geht um Beschäftigte und Arbeitsmarkt, nicht um Fragen von Asyl und Aufenthalt; dazu gibt es einen eigenen Beitrag zum Asylrecht im Grundgesetz.
Bundesweit: 157 Engpassberufe
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat in ihrer Fachkräfteengpassanalyse (Presseinformation Nr. 32 vom 2. September 2026) für das Jahr 2025 157 Berufsgattungen mit Fachkräfteengpass festgestellt, sechs weniger als im Vorjahr (163). Die Hälfte der gemeldeten Stellenangebote entfiel auf Engpassberufe. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren rund 402.000 sozialversicherungspflichtige Stellen für Fachkräfte, Spezialisten und Experten gemeldet. Nur etwa jede fünfte arbeitslose Fachkraft suchte eine Stelle in einem Engpassberuf.
Der Anteil ausländischer Beschäftigter in Engpassberufen hat sich nach der BA seit 2014 von sieben auf rund 14 Prozent verdoppelt. Die BA-Vorsitzende Andrea Nahles sagt dazu: „Zuwanderung wird deshalb für unseren Arbeitsmarkt weiter an Bedeutung gewinnen.“ Das ist eine Einschätzung der Behörde, die auf diesen Zahlen beruht.
Quellen: Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfte bleiben knapp (Presseinfo 32/2026, 02.09.2026)Pflege: Wo der Effekt am deutlichsten ist
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in der Pflege. Nach der Presseinformation der BA ist dort die Zahl der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit gegenüber Juni 2024 um 5.000 gesunken, während die Zahl der Beschäftigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit um 46.000 gestiegen ist. Die BA folgert, dass ausländische Beschäftigte die demografisch bedingten Rückgänge bei deutschen Fachkräften zumindest teilweise ausgleichen, und hält fest, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zunehmend auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Pflege- und Gesundheitsberufe gehören zu den Berufen mit den stärksten Engpässen.
Für den Alltag heißt das: Wer in einer Klinik oder in einem Pflegeheim in Südniedersachsen versorgt wird, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von Menschen gepflegt, die nicht in Deutschland geboren wurden. Eine eigene Zahl für Duderstadt liegt dieser Seite nicht vor.
Quellen: Bundesagentur für Arbeit: Presseinfo 32/2026Was das IAB zur Entwicklung seit 2015 sagt
Der IAB-Kurzbericht 8/2025 (veröffentlicht am 13. Mai 2025) kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl ausländischer Beschäftigter zwischen 2015 und 2024 etwa doppelt so stark gewachsen ist wie die deutscher Beschäftigter. Der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung geht demnach maßgeblich auf Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit zurück. Bei Helfertätigkeiten ist der Zuwachs mehrheitlich auf ausländische Beschäftigte zurückzuführen; auf Fachkraftniveau haben sie die Beschäftigtenzahlen gestützt.
Der Bericht beschreibt auch die demografische Lage: In Westdeutschland kommen auf 100 ältere Beschäftigte im Alter von 58 bis 62 Jahren 95 jüngere im Alter von 28 bis 32 Jahren, in Ostdeutschland nur 68. Ohne ausländische Beschäftigte wäre der Druck laut IAB deutlich stärker. Nachwuchslücken sieht das Institut vor allem in Fertigung, Bau, Sicherheit und Reinigung. Diese Zahlen stammen aus einer Meldung der Fachseite asyl.net über den Kurzbericht; der Bericht selbst wurde nicht im Volltext gelesen. Wer die Zahlen weiterverwendet, sollte sie dort gegenprüfen.
Quellen: asyl.net: IAB-Studie zur Rolle ausländischer Beschäftigter (IAB-Kurzbericht 8/2025)Südniedersachsen im September 2026
Die Agentur für Arbeit Göttingen berichtet für den Berichtsmonat September 2026 für ihren Agenturbezirk, der die Landkreise Göttingen und Northeim umfasst: 15.750 Menschen waren arbeitslos gemeldet, und es gab 3.659 offene Arbeitsstellen, von denen sich mehr als 80 Prozent an Fachkräfte, Spezialisten und Experten richteten. Die Agentur nennt als Branchen mit dem höchsten Personalbedarf die Zeitarbeit, das Gesundheits- und Sozialwesen und freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen.
Für den Landkreis Göttingen allein, zu dem Duderstadt gehört, nennt die Agentur im selben Monat 10.882 Arbeitslose (416 weniger als im September 2025) und eine Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent (0,2 Punkte unter dem Vorjahreswert). Offene Stellen nennt die Pressemitteilung nur für den gesamten Agenturbezirk; beide Zahlenreihen dürfen deshalb nicht gegeneinander gerechnet werden.
Die Zahlen zeigen beides: Arbeitslosigkeit ist da (Landkreis Göttingen: 6,3 Prozent), und es gibt Stellen, die nicht passend besetzt werden. Die Agentur beschreibt außerdem, dass die übliche Herbstbelebung schwächer ausfällt als im Durchschnitt der letzten Jahre. Einen eigenen Anteil ausländischer Beschäftigter für den Landkreis nennt die Pressemitteilung nicht; auch dazu liegt keine geprüfte Zahl vor.
Quellen: Agentur für Arbeit Göttingen: Pressemitteilung September 2026Was die Zahlen nicht belegen
Aus den Zahlen folgt nicht, dass Zuwanderung jedes Arbeitsmarktproblem löst. Die BA weist selbst darauf hin, dass nur jede fünfte arbeitslose Fachkraft eine Stelle im Engpassberuf sucht; Qualifizierung und Vermittlung bleiben also wichtig. Es folgt auch nicht, dass einzelne Branchen oder Betriebe keine Probleme mit Integration hätten: Sprachkenntnisse, Anerkennung von Abschlüssen und Wohnraum sind in der Praxis Hürden, zu denen die hier gelesenen Quellen keine Zahlen enthalten.
Ebenso wenig belegen die Zahlen Aussagen über einzelne Personengruppen. Beschäftigungsdaten sagen nichts über Asylverfahren, Kosten oder Kriminalität. Wer solche Behauptungen mit Arbeitsmarktzahlen begründet, überdehnt die Quelle.
Einordnung (Meinung)
Meinung: Wer ehrlich über Arbeit spricht, muss beide Seiten nennen: Menschen in Arbeitslosigkeit brauchen Qualifizierung und Chancen, und Betriebe brauchen Arbeitskräfte, die es im Inland allein nicht gibt. Eine Politik, die ausländische Beschäftigte pauschal als Problem darstellt, ignoriert, dass Pflegeheime, Handwerksbetriebe und Krankenhäuser ohne sie ihr Angebot einschränken müssten. Eine Politik, die Arbeitslosigkeit ignoriert, tut das Gleiche in die andere Richtung. Parteien, die Einschränkungen der Zuwanderung fordern, sollten angeben, wie die oben beschriebenen Engpässe anders geschlossen werden sollen; das ist eine Anforderung an jede Partei und keine Aussage über ein bestimmtes Programm.
Quellen abgerufen am 1. November 2026. Sie sind sinngemäß wiedergegeben; verbindlich ist jeweils der aktuelle Wortlaut. Fehler bitte über die Kontaktseite melden.
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