Antisemitismus heute: Was die Zahlen für 2025 zeigen – und was sie nicht zeigen
8.725 erfasste Vorfälle in einem Jahr, 24 pro Tag: Was RIAS zählt, wie sich das von Polizeistatistiken unterscheidet und welche Rolle der rechtsextreme Bereich spielt.
Was RIAS zählt – und was nicht
Der Bundesverband RIAS ist der Dachverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus. Seine Meldestellen erfassen antisemitische Vorfälle auf Grundlage der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance). In den Bericht für 2025 flossen Vorfälle aus dem ganzen Bundesgebiet und von Meldestellen in zwölf Bundesländern ein.
Wichtig für das Verständnis der Zahl: Ein „Vorfall“ ist nicht dasselbe wie eine Straftat. RIAS zählt auch Ereignisse unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, etwa verletzendes Verhalten, und Meldungen von Betroffenen, die nie bei der Polizei angezeigt wurden. Deshalb lassen sich RIAS-Zahlen und Polizeistatistiken nicht einfach vergleichen. Beide messen etwas Unterschiedliches, und beide zeigen nur das Hellfeld, also das, was gemeldet wird.
Quellen: Bundesverband RIAS: Pressemitteilung vom 17. Juni 2026Die Zahlen für 2025
Nach der Pressemitteilung des Bundesverbands vom 17. Juni 2026 erfasste RIAS im Jahr 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle. Das sind im Schnitt 24 pro Tag. RIAS spricht von „keiner Trendwende“. Gegenüber 2022 hat sich die Zahl demnach mehr als verdreifacht; seit dem 7. Oktober 2023 besteht ein hohes Niveau.
- 178 Angriffe und 257 Bedrohungen dokumentierte RIAS, vielfach an alltäglichen Orten.
- Vier Fälle extremer Gewalt wurden bekannt, darunter ein terroristischer Anschlag am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.
- 27 Prozent aller Vorfälle ereigneten sich online; knapp 43 Prozent aller dokumentierten Bedrohungen fanden im Netz statt.
- 68 Prozent der Vorfälle wiesen einen Bezug zu Israel auf (israelbezogener Antisemitismus).
- 807 Vorfälle stammten aus dem rechtsextremen Spektrum – der höchste Wert seit Beginn der bundesweiten Erhebung im Jahr 2020.
Eine zweite Quelle bestätigt die Größenordnung für Gewalttaten: Der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) zählte für 2025 bundesweit 180 antisemitisch motivierte Gewalttaten, nach 354 im Vorjahr. Der VBRG betont, es gebe trotz des Rückgangs keinen Anlass zur Entwarnung; zudem machten sich viele Jüdinnen und Juden aus Angst vor Anfeindungen weniger sichtbar und meldeten seltener.
Quellen: Bundesverband RIAS: Pressemitteilung 17.06.2026; RIAS: Jahresbericht „Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025“; VBRG: Jahresbilanz 2025 (21.07.2026)Rechtsextremer Antisemitismus: was RIAS dokumentiert
RIAS beschreibt für 2025 Verschwörungsmythen, NS-Verherrlichung und Wünsche nach einer Wiederholung der Schoa. Als Beispiel nennt die Pressemitteilung eine rechtsextreme Gruppe, die in einem Bus in Mecklenburg-Vorpommern „Juden an die Wand“ rief, die Schoa verhöhnte und Geflüchtete sowie einschreitende Fahrgäste bedrohte. Nach RIAS trat rechtsextremer Antisemitismus zuletzt nicht nur häufiger, sondern auch offen gewaltvoll auf.
Wichtig für die Einordnung: Diese Zahlen betreffen das rechtsextreme Spektrum insgesamt, nicht eine einzelne Partei. Wer sie auf die AfD bezieht, muss die Verbindung im Einzelfall belegen. Die Zahl sagt außerdem nichts darüber, wie hoch die Anteile aus anderen Spektren sind: Israelbezogener Antisemitismus tritt, so RIAS, in sehr verschiedenen Milieus auf, und RIAS dokumentiert 2025 auch Feindmarkierungen und Gewaltaufrufe unter dem Schlagwort „Zionismus“.
Quellen: Bundesverband RIAS: Pressemitteilung 17.06.2026Was das für Betroffene bedeutet
Die Zahlen hinter den Zahlen sind Alltag: Ein Rabbiner wird in einem Supermarkt vor den Augen seiner Kinder gestoßen, Gemeindemitglieder werden vor einem jüdischen Gebetsraum in Kehl beleidigt und bespuckt. Der Geschäftsführer des Bundesverbands, Benjamin Steinitz, sagt, Antisemitismus werde „offen und aggressiv“ geäußert und die „fortschreitende Normalisierung“ bedrohe die demokratische Kultur als Ganzes. Das ist die Einschätzung eines Fachverbands, keine Zahl; sie lässt sich aber an den dokumentierten Einzelfällen nachvollziehen.
Folgen sind vor allem Rückzug und Vorsicht: Menschen verstecken Symbole, meiden bestimmte Orte oder verlassen soziale Netzwerke, in denen sie bedroht wurden. Das schränkt Grundrechte faktisch ein, obwohl niemand ein Gesetz geändert hat.
Quellen: Bundesverband RIAS: Pressemitteilung 17.06.2026; VBRG: Jahresbilanz 2025Rechtslage: Wann Antisemitismus strafbar ist
Nicht jede antisemitische Äußerung ist strafbar, aber viele sind es. § 130 des Strafgesetzbuchs (Volksverhetzung) stellt unter Strafe, wer in einer Weise, die den öffentlichen Frieden stören kann, zum Hass gegen eine nationale, rassische, religiöse oder ethnisch bestimmte Gruppe aufstachelt oder deren Menschenwürde angreift. Der Strafrahmen reicht von drei Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Wer eine unter der NS-Herrschaft begangene Handlung der Art, wie sie im Völkerstrafgesetzbuch als Völkermord beschrieben ist, öffentlich billigt, leugnet oder verharmlost, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Wer die NS-Gewalt- und Willkürherrschaft in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise billigt, verherrlicht oder rechtfertigt, riskiert bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe.
Ob eine Äußerung strafbar ist, entscheiden Staatsanwaltschaft und Gerichte im Einzelfall. Dieser Text ersetzt keine Rechtsberatung.
Quellen: § 130 StGB, gesetze-im-internet.deSo liest du solche Statistiken richtig
Drei Regeln helfen. Erstens: Meldezahlen messen auch, wie gut eine Meldestelle bekannt ist und wie viel Vertrauen Betroffene in sie haben. Steigt die Zahl, kann das auch an besserer Erfassung liegen, nicht nur an mehr Taten. Zweitens: Vergleiche über Jahre sind nur sinnvoll, wenn die Zählweise gleich blieb; der Bericht 2025 stützt sich auf Meldestellen in zwölf Bundesländern, nicht in allen sechzehn. Drittens: Eine Zahl für ganz Deutschland sagt wenig über einen einzelnen Ort. Für Duderstadt und den Landkreis Göttingen liegen in den geprüften Quellen keine eigenen Zahlen vor; diese Seite nennt deshalb keine.
Was die Zahlen unabhängig davon zeigen: Die Größenordnung ist seit 2023 deutlich höher als davor. Das genügt, um Antisemitismus als gesellschaftliches Problem ernst zu nehmen – egal, aus welchem Milieu er kommt.
Quellen: Bundesverband RIAS: Pressemitteilung 17.06.2026Was du tun kannst
- Melden: RIAS betreibt Meldestellen, an die sich Betroffene und Zeugen wenden können, auch ohne Strafanzeige. Eine Übersicht bietet report-antisemitism.de.
- Anzeigen: Straftaten können bei jeder Polizeidienststelle angezeigt werden, auch online.
- Beistehen: Wer Zeuge eines Übergriffs wird, ruft den Notruf und kümmert sich um die Betroffenen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.
- Widersprechen: Im Gespräch, im Verein, am Stammtisch. Schweigen wird als Zustimmung gelesen.
Meinung: Eine Gesellschaft muss daran gemessen werden, wie sicher Minderheiten in ihr leben können. Das gilt für Duderstadt genauso wie für Berlin. Wer Antisemitismus als „Problem der anderen“ ansieht, übersieht, dass die Zahlen aus allen Teilen des Landes kommen.
Quellen: RIAS-Meldestellen: report-antisemitism.deQuellen abgerufen am 1. November 2026. Sie sind sinngemäß wiedergegeben; verbindlich ist jeweils der aktuelle Wortlaut. Fehler bitte über die Kontaktseite melden.
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